Die Geschichte des Automobils wird gern als Abfolge männlicher Heldentaten erzählt. Doch seit Beginn des motorisierten Zeitalters mischten kluge, mutige und erfinderische Frauen entscheidend mit. Ihre Ideen entstanden aus Alltagserlebnissen, wissenschaftlicher Neugier oder purem Pragmatismus und prägen den Straßenverkehr bis heute. Zeit also, ihnen eine Bühne zu geben.
Heute startet eine vierteilige Reihe. In jeder Digitalausgabe 2026 stellen wir zwei Pionierinnen exemplarisch vor.

Bertha Benz –
Die erste Fernfahrt
Ohne Bertha Benz (1849–1944) hätte der Motorwagen ihres Mannes Carl es womöglich nie auf die Straße geschafft. Dann hätte Kaiser Wilhelm II. mit dem ihm zugeschriebenen Zitat vielleicht recht behalten: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Doch Bertha verhinderte das Scheitern ihres Mannes – mit Mut, Weitsicht und einer gehörigen Portion Trotz. Gleichzeitig legte sie den Grundstein für die deutsche Automobilgeschichte.
Geboren 1849 in Pforzheim, technisch interessiert und wissbegierig, finanzierte sie mit ihrer Mitgift Carls erste Werkstatt. Als er 1886 den Motorwagen patentierte, blieb der Durchbruch allerdings aus: Fahrverbote, misstrauische Behörden und spottende Zeitgenossen blockierten den Erfolg.
Die lange Durststrecke setzte Benz zu
Carl Benz stand kurz davor, seinen Traum ad acta zu legen. Doch seine Frau glaubte an seine Vision. Im August 1888 – frühmorgens, heimlich und ohne Genehmigung – setzte sie sich ans Steuer und brach gemeinsam mit ihren beiden Söhnen zur ersten Fernfahrt der Automobilgeschichte auf. 106 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim zu Berthas Schwester, mit einer Spitzengeschwindigkeit von 20 km/h. Ohne Führerschein, ohne Erlaubnis, ohne das Wissen ihres Mannes. Warum den Zug nehmen, wenn ein Motorwagen zur Verfügung stand?
Doch die Reise verlief alles andere als reibungslos
Kaum hatte Bertha Mannheim hinter sich gelassen, meldete der Motor den ersten Hilferuf: Kühlwasser musste nachgefüllt werden, also steuerte sie den nächsten Brunnen an. Kurz darauf, bei Wiesloch, war der Tank leer – doch Bertha blieb pragmatisch. Ligroin, der Treibstoff des Wagens, war in Apotheken als Reinigungsmittel erhältlich. So wurde die Stadtapotheke von Wiesloch zur ersten Tankstelle der Geschichte, und Bertha steuerte auf ihrem Weg abwechselnd Brunnen und Apotheken an.
Weitere Pannen folgten
Hinter Weingarten blockierte ein verstopfter Benzinzufluss den Motor – eine Haarnadel löste das Problem im Handumdrehen. In Söllingen sorgte ein durchgescheuertes Kabel für einen Kurzschluss. Auch hier improvisierte Bertha: Ihr Strumpfband diente als provisorische Isolierung und brachte den Wagen wieder zum Laufen.
Die nächste Herausforderung wartete bei Wilferdingen
Für die Steigung reichten die PS des Motorwagens nicht aus – es hieß Schieben. Mit vereinten Kräften stemmte die Familie den Wagen den Berg hinauf, um anschließend die Abfahrt hinunterzusausen. Die Bremsen waren für solche Geschwindigkeiten nicht ausgelegt – doch diese Erfahrung floss direkt in die Weiterentwicklung ein. Aus ihr entstanden die ersten Lederbeschläge auf den Bremsbacken.
Bertha Benz schrieb damit nicht nur Automobilgeschichte als erste Autofahrerin, sondern brachte auch indirekt die Erfindung der Bremsbeläge auf den Weg. Nach einer 13-stündigen Fahrt erreichten sie Pforzheim und schickten ein Telegramm an Carl Benz: wohlbehalten angekommen.
Ihre Fahrt bewies die Alltagstauglichkeit des Motorwagens – und legte den Grundstein für Deutschlands Automobilgeschichte.

Margaret Wilcox —
Erfinderin der Autoheizung
Über Margaret A. Wilcox (1838–1912) ist bis heute nur wenig bekannt – wie über so viele Frauen, die in der Technikgeschichte lange im Schatten standen. Doch das, was wir inzwischen wissen, zeichnet das Bild einer bemerkenswert pragmatischen Erfinderin: einer Frau, die Alltagsprobleme nicht hinnahm, sondern konsequent nach Lösungen suchte.
Margaret A. Wilcox wurde 1838 in Chicago geboren und zählt zu den ersten weiblichen Maschinenbauingenieurinnen ihrer Zeit. In einer Ära, in der Frauen weder als Ingenieurinnen noch als Innovatorinnen ernst genommen wurden, beobachtete sie ihre Umwelt mit nüchternem Blick: War etwas unpraktisch, musste es verbessert werden – unabhängig davon, welche gesellschaftlichen Grenzen damit berührt wurden.
Wilcox meldete zahlreiche Patente an
All ihre Erfindungen sollten den Alltag erleichtern. 1889 entwickelte sie etwa eine Kombination aus Waschmaschine und Geschirrspüler, später eine clevere Verbindung aus Backofen und Warmwasserheizung, die die Abwärme des Ofens nutzte. Doch ihre frühen Erfindungen trugen nicht ihren Namen: Bis 1893 war es Frauen in den USA verboten, Patente unter ihrem eigenen Namen einzureichen – sie mussten über den Ehemann laufen.
Ab 1893 durfte Wilcox offiziell als Erfinderin auftreten
In diesem Jahr reichte sie auch das Patent ein, das sie unsterblich machen sollte: eine Heizvorrichtung für Eisenbahnwagen. Ihre Idee war ebenso simpel wie genial. Die von den Verbrennungsmotoren erzeugte Wärme wurde direkt in den Fahrgastraum geleitet. Das erste System hatte allerdings eine Schwäche – es ließ sich nicht regulieren. Im Winter bedeutete das: Entweder froren die Passagiere oder sie schwitzten, je länger die Fahrt dauerte. In den Folgejahren verfeinerte Wilcox ihre Konstruktion und ergänzte eine Temperatursteuerung.
Erfindung auch fürs Automobil
Obwohl das System ursprünglich für Eisenbahnen entwickelt wurde, fand es später seinen Weg ins Automobil. Lange waren Autos offen, ein Heizsystem also nutzlos. Erst mit den ersten geschlossenen Fahrzeugen gewann die Frage der Innenraumtemperatur an Bedeutung. 1929 griff Ford Wilcox Prinzip auf – und sorgte dafür, dass Autofahrten im Winter nicht länger zur Frostprüfung wurden. Neben der Wärme brachte ihr System noch einen entscheidenden Vorteil: Die Scheiben beschlugen nicht mehr, was die Fahrsicherheit erheblich erhöhte.
Margaret A. Wilcox mag in der Geschichtsschreibung lange übersehen worden sein. Doch ihre Erfindung hat Generationen von Reisenden den Winter erträglicher gemacht – und gehört heute ganz selbstverständlich zur Grundausstattung jedes Autos.
*Symbolbild: Zu Margaret A. Wilcox sind keine gesicherten Fotografien oder offiziellen Portraits überliefert.
