Die Zukunft ist näher als viele denken: Autos, die selbstständig denken und lenken. Möglich macht das die KI – für viele die Schlüsseltechnologie. Wo wird KI jetzt schon eingesetzt und was kann sie? DEKRA-Experte Dr. Xavier Valero über die Rolle von KI im Auto.
Künstliche Intelligenz (KI) steckt heute in vielen Bereichen des Lebens. Viele Menschen verbinden KI heute vor allem mit der sogenannten generativen KI, wie ChatGPT, die vom Nutzer eingegebene Texte und Bilder versteht und daraus konsistente Antworten erzeugt. Ist das der Ursprung von KI?
Xavier Valero: Nein, das ist nicht der Ursprung von KI. Generative KI ist nur eine bestimmte Form. Künstliche Intelligenz gibt es schon viel länger. Seit Jahrzehnten wird KI in zahlreichen Branchen und Anwendungen eingesetzt, zum Beispiel im Mobilitätsbereich, etwa bei Optimierungsproblemen in der Routenplanung oder generell, in der Prozessoptimierung. Immer unter bestimmten Randbedingungen.

Im Interview: Dr. Xavier Valero
ist Director
Wo begegnet uns KI heute bereits im Auto – und welche Berührungspunktet haben Fahrerinnen und Fahrer im mobilen Alltag?
Xavier Valero: Im Fahrzeugbereich kennen wir KI schon lange, etwa aus Infotainment-Systemen. In den 1990er Jahren fing es an. Damals gab es starre Sprachbefehle wie „Radio“, „Telefon“, „Anrufen“. Seitdem gab es viele Entwicklungen. Sprachsysteme können heute relativ zuverlässig Sprachbefehle verstehen und verbessern dadurch den Bedienkomfort. Besonders stark sehen wir KI auch im Bereich der Verkehrssicherheit. Das fing dort mit KI-ähnlichen Ansätzen an. Die waren regelbasiert, sensorgetrieben und hatten eine Entscheidungslogik, etwa das ESP (elektronisches Stabilitätsprogramm). Inzwischen schaffen Assistenzsysteme zusätzliche Schutzebenen.
Welche Rolle spielt KI inzwischen bei Fahrerassistenzsystemen wie dem Notbrems- oder Spurhalteassistenten?
Xavier Valero: KI hilft den Assistenzsystemen dabei, die Umgebung rund um das Fahrzeug besser zu verstehen. Die Systeme erkennen andere Fahrzeuge, Fußgänger oder Hindernisse und können eingreifen, wenn der Fahrer einen Fehler macht und nicht rechtzeitig reagiert – zum Beispiel durch automatisches Bremsen, um so schwere Unfälle zu vermeiden. Wir finden KI auch in Fahrerüberwachungssystemen mit Kameras. Wenn der Fahrer unaufmerksam wird oder einzuschlafen droht, erkennt ein kamerabasiertes System die Situation und empfiehlt eine Pause.
„Wir befinden uns aktuell auf dem Niveau von Level 4 in bestimmten Anwendungsfällen.“
Xavier Valero
Wie arbeitet KI hier und wie haben sich die Assistenzsysteme in den letzten Jahren verbessert?
Xavier Valero: Viele Anwendungen zeigen, dass KI immer stärker ins Fahrzeug integriert wird. Ein großer Fortschritt liegt in der verbesserten Objekterkennung. Die ist entscheidend. Fahrzeuge erkennen stehende Objekte, bewegte Objekte. Auch die Situationen können sehr unterschiedlich sein: ein Objekt oder viele. Das funktioniert per Kamera, Radar oder LiDAR. Die Systeme müssen heute unter sehr unterschiedlichen Bedingungen funktionieren – bei Nacht, Regen, schlechten Sichtverhältnissen oder wenn Menschen dunkle Kleidung tragen. Um das zu ermöglichen, arbeiten verschiedene Systeme im Fahrzeug eng zusammen – unterstützt durch KI-Algorithmen.
Lernen diese Assistenzsysteme nur durch künstliche Intelligenz?
Xavier Valero: Die Systeme werden normalerweise mit überwachten Lernverfahren trainiert. Techniker als „Lehrer“ trainieren sie. Das bedeutet, man zeigt ihnen anhand vieler Beispiele, was sie erkennen sollen. Dafür werden reale Fahrdaten mit simulierten Daten kombiniert, um auch seltene, aber sicherheitskritische Situationen abzudecken. Wie eben Menschen mit dunkler Kleidung, in der Nacht. Anschließend werden die Systeme in die Produktion überführt. Danach überwacht und weiter verbessert.

Welche Rolle spielen KI-gestützte Simulationen bei der Entwicklung der Assistenzsysteme?
Xavier Valero: Simulationen sind entscheidend, weil sie Szenarien abbilden können, die in der Realität nur selten auftreten. So lassen sich Grenzfälle testen, ohne reale Risiken einzugehen. Zudem sind simulationsbasierte Tests deutlich schneller und kostengünstiger. Tests in der realen Welt sind weiterhin erforderlich, so dass sich beide Ansätze ergänzen.
Datenauswertung, Validierung und Sicherheit: Welche Rolle spielt das für Assistenzsysteme?
Xavier Valero: Wir gehen an die Automobilindustrie heran mit einem ganzheitlichen Ansatz, der funktionale Sicherheit, Cybersecurity und künstliche Intelligenz kombiniert – wir nennen das „Digital Trust“, also „digitales Vertrauen“. Sicherheit lässt sich nur gewährleisten, wenn KI‑Systeme systematisch validiert werden. Deshalb kombinieren wir physische Tests mit Simulationen und rekonstruieren gezielt komplexe Szenarien, insbesondere sogenannte Corner Cases. Simulationen allein reichen nicht aus – reale Tests sind weiterhin notwendig.
„Autonomes Fahren? Aus heutiger Sicht liegt der Zeithorizont bei etwa zehn bis fünfzehn Jahren.“
Xavier Valero
Wenn wir auf die Fahrzeugentwicklung selbst schauen, spielt KI eine immer größere Rolle – wo stehen wir aktuell beim autonomen Fahren?
Xavier Valero: Wir befinden uns aktuell auf dem Niveau von Level 4 in bestimmten Anwendungsfällen. Dazu gehören voll automatisierte Shuttles oder Busse, die in klar definierten Gebieten unterwegs sind. Diese Systeme funktionieren gut, sind aber noch nicht vollständig autonom im Sinne von Level 5. Es geht dabei nicht nur um eine technologische Frage. Natürlich müssen die Systeme noch besser werden. Fahrzeuge müssen sich an alle Situationen anpassen können, aber auch rechtliche Fragen, Haftung und gesellschaftliche Akzeptanz spielen eine Rolle. Wer ist im Falle eines Unfalls verantwortlich? Der Fahrer, das Fahrzeug, der Hersteller? Die Absicherung ist entscheidend – es geht also um funktionale Sicherheit und auch um Cybersecurity.
Wann werden wir autonomes Fahren auf Stufe 5 erreichen?
Xavier Valero: Aus heutiger Sicht liegt der Zeithorizont bei etwa zehn bis fünfzehn Jahren. Entscheidend ist nicht nur die technische Machbarkeit, sondern auch die sichere, rechtliche und gesellschaftliche Integration autonomer Fahrzeuge. Am Ende müssen Menschen auch lernen, der Technologie zu vertrauen. Wir sehen das bereits bei ChatGPT und anderen digitalen Anwendungen, die nicht jeder sofort und auf die gleiche Weise nutzt oder akzeptiert. Ich denke, wir werden in gemischten Umgebungen leben – mit menschlichen Fahrern und autonomen Fahrzeugen.
Fünf Stufen zum autonomen Fahren

LEVEL 1
Assistiertes Fahren:
Assistenzsysteme stehen zur Verfügung. Abstandstempomaten sorgen etwa dafür, dass das Auto nicht zu dicht auffährt, Totwinkel-Assistenten leuchten im Seitenspiegel, andere Systeme halten das Auto in der Spur. Doch immer muss die Person am Steuer die Verkehrssituation selbst überwachen und trägt die Verantwortung für Schäden und Regelbrüche.
LEVEL 2
Teilautomatisiertes Fahren:
Systeme haben vollständigen Zugriff auf Gas, Bremse sowie Lenkung, der Fahrer muss sie jederzeit eingreifen können. In vordefinierten Umgebungen kann das Auto komplett übernehmen, etwa auf der Autobahn. Hier kann es etwa einer Spur folgen, das Tempo anpassen, Spuren wechseln, überholen und im Stau automatisch abbremsen.
LEVEL 3
Hochautomatisiertes Fahren:
Man kann auch mal Zeitung lesen und den Blick von der Fahrbahn abwenden. Doch nach einer festgelegten Zeit – zehn Sekunden, muss der Mensch wieder die Kontrolle übernehmen können. Die Systeme funktionieren nur unter bestimmten Bedingungen, sonst stoßen sie an Grenzen: etwa bei eingeschränkter Sicht wegen Nebel oder Nässe.
LEVEL 4
Vollautomatisiertes Fahren:
Der Mensch ist Passagier auf vordefinierten Strecken. Sollten Systeme ausfallen, kann das Auto sicher anhalten. Der Mensch kann optional eingreifen. Voraussetzungen: vernetzte Fahrzeuge, die mit anderen Fahrzeugen und/oder der Infrastruktur kommunizieren, sowie hochauflösende Karten mit sekundengenauer Positionsbestimmung.
LEVEL 5
Autonomes Fahren:
Das Fahrzeug bewegt sich fahrerlos, trifft alle Entscheidungen selbst und kann überall unterwegs sein, unabhängig von Umfeldbedingungen und vom Straßentyp. Die Systeme meistern komplexe Verkehrssituationen, etwa an Kreuzungen — bei jeder Wetterlage. Der Mensch ist nur noch Passagier. Bei Unfällen haftet der Hersteller, nicht mehr der Mensch.
Mehr Infos zum Thema Autonomes Fahren auf:
https://www.ace.de/ratgeber/test-technik/autonomes-fahren
