AutoGebrauchte E‑Autos: Chance oder Risiko?

Nie war Auto­fahren so teuer wie heute. Für gebrauchte E‑Autos gilt das nicht, sie leiden unter hohem Wert­ver­lust, doch die Nach­frage zieht gerade sehr stark an. Wer das Angebot vergleicht und güns­tigen Strom nutzt, kann jetzt richtig sparen.

Die Tren­nung von Adam war nicht leicht, Meike Keller hat ihren styli­schen kleinen Opel sehr gemocht. Sparsam und zuver­lässig war er auch, vermut­lich hätte sie ihn weiter­ge­fahren, wenn ihr der Opel-Händler nicht dieses Angebot gemacht hätte: ein Corsa Elec­tric GS Long Range zum halben Neupreis. Glatte 20.000 Euro hat die Sozi­al­päd­agogin dafür bezahlt. Das ist ein Wort, denn der Corsa war ein ganz junger Gebrauchter, der in 16 Monaten erst 12.000 Kilo­meter abge­spult hatte. Und damit ging der Spaß am Sparen für Meike Keller erst los, weil sie den Strom zum Laden des E‑Autos mit ihrer eigenen Solar­an­lage produ­ziert. „Im Sommer kostet das pro Kilo­watt­stunde nur die acht Cent, die ich fürs Einspeisen ins Netz bekäme“, sagt die Umstei­gerin aus dem länd­li­chen Osten Hamburgs, „und im Winter bezahle ich 28 Cent, das ist unser Haus­strom­tarif“. Bei einem Durch­schnitts­ver­brauch von 15 kWh kosten 100 Kilo­meter also höchs­tens 4,20 Euro. Da kommt kein Adam mit. Selbst dann nicht, wenn die Öltanker irgend­wann wieder unge­hin­dert durch die Straße von Hormus kreuzen.

Opel Corsa F
Auch als Benziner oder Diesel ist der seit 2019 gebaute Corsa eine solide Wahl. Wer häufig Lang­stre­cken fährt, sollte aller­dings nicht den 75 PS starken Basis-Benziner nehmen. Empfeh­lung: 1.2 Turbo mit 101 PS. Ab ca. 7000 Euro (Bj. 2019 und jünger).

Skoda Fabia 3 Combi
Kleine Kombis sind im aktu­ellen Angebot selten geworden. Der Fabia 3, gebaut von 2015 bis Ende 2022, ist eine fami­li­en­taug­liche Ausnahme mit großer Moto­ren­pa­lette und stand­fester Technik. Empfeh­lung: TSI mit 95 oder 110 PS. Späte Modelle ab ca. 10.000 Euro.

Toyota Corolla Touring Sports
Hinter dem dyna­mi­schen Namen verbirgt sich ein kreuz­braver Kombi von stoi­scher Zuver­läs­sig­keit. Wer ihn nach Werks­vor­gabe warten lässt, hat seit Mitte 2021 eine extra­lange Garantie: 15 Jahre oder 250.000 km. Beim Verkauf läuft sie weiter. Empfeh­lung: Hybrid mit 122 PS. Ab ca. 16.000 Euro.

VW Golf 7 Sportsvan
Das flexible Raum­kon­zept des Hoch­dach-Golfs hat meist reifere Kunden über­zeugt, weshalb gepflegte und gut ausge­stat­tete Exem­plare mit geringen Lauf­leis­tungen oft zu finden sind. Empfeh­lung: TSI mit 125 PS oder 150 PS. Späte Modelle von 2019/20 ab ca. 14.000 Euro.

Opel Insi­gnia Sports Tourer
Mit der zweiten Gene­ra­tion des Insi­gnia hat sich Opel 2022 aus der Klasse der großen Kombis verab­schiedet. Als Gebrauchter bietet der Sports Tourer konkur­renzlos viel Auto fürs Geld. Empfeh­lung: Diesel mit 122 PS. Späte Modelle von 2021/22 ab ca. 12.000 Euro.

Das sagt fast kein Händler seinen Kunden und Kundinnen: Auch heute gibt es noch Problem-Autos mit anfäl­liger Technik. Neben spin­nender Elek­tronik sind Motor- und Getrie­be­schäden gar nicht so selten. In Internet-Foren werden diese marken- und modell­ty­pi­schen Schäden ausführ­lich disku­tiert und analy­siert. Neben Laien schreiben oft auch Werk­statt­profis mit. Es lohnt sich, vor der Entschei­dung für ein bestimmtes Modell mal rein­zu­lesen.

Ein Blick ins Wartungs­heft ist Pflicht, viele moderne Motoren reagieren empfind­lich auf nach­läs­sige Wartung. Verges­sene Ölwechsel können zu erhöhtem Verschleiß und Schäden führen.

Gerade bei güns­tigen Gebrauchten kann der Pfle­ge­zu­stand und die Wartungs­his­torie wich­tiger sein als das Baujahr oder die Lauf­leis­tung. Autos aus senio­rigem Vorbe­sitz sind oft ein guter Kauf – sofern die Schad­stoff­klasse nicht von vorges­tern ist.

Viele nehmen lieber einen Neuen

Sicher, 20.000 Euro sind kein Pappen­stiel für einen Corsa: Man muss sich das Sparen erst mal leisten können. Doch viel teurer als Verbrenner sind gebrauchte E‑Autos inzwi­schen nicht mehr. Das liegt an den sinkenden Preisen der Neuwagen, aber auch daran, dass viele Kauf­in­ter­es­senten keine Stromer aus Vorbe­sitz haben wollen: Statt­dessen nehmen sie lieber einen Neuen mit staat­li­cher Förde­rung. Zudem locken aktuell fast alle Hersteller mit zusätz­li­chen Nach­lässen: Bei Volks­wagen waren es Anfang April 4.000 Euro auf jedes neue E‑Modell, Ford lobt pauschal 5.000 Euro aus und Smart sogar bis zu 6.000 Euro.

Verbrenner sind nur noch selten güns­tiger

„Nur neun Prozent aller Käufer suchen nach einem Gebrauchten“, melden die Markt­be­ob­achter der Deut­schen Auto Treu­hand (DAT). Der Wert­ver­lust junger E‑Autos fällt daher vergleichs­weise hoch aus, in den ersten drei Jahren sind es im Schnitt fast 50 Prozent. Für Käufer ist das eine gute Nach­richt: Wer in der Preis­klasse um 18.000 Euro sucht, hat bei Volks­wagen-Händ­lern die freie Wahl aus dem Golf 8 als Benziner oder Diesel von 2022, kann aber auch im gleich alten VW ID.3 Pro mit dem mittel­großen 62-kWh-Akku nach Hause surren. Viele Kilo­meter haben sie alle nicht gesam­melt, meist sind es um die 70.000. Und natür­lich gehört in allen Fällen eine Gebraucht­wagen-Garantie dazu.

Viel teurer als Verbrenner sind gebrauchte E‑Autos inzwi­schen nicht mehr.


BMW i3
Immer noch ein Gesicht in der Menge, das Elektro-Desi­gner­stück von BMW. Und außerdem ein solides Auto mit stand­fester Batterie, wie die Praxis zeigt. Günstig sind vor allem die frühen Versionen mit kleinem 22-kWh-Akku. Gepflegte Exem­plare ab ca. 9000 Euro.

Renault Zoe
Den Zoe gab’s von 2013 bis 2024 neu zu kaufen, er gehörte zu den Wegbe­rei­tern der Elek­tro­mo­bi­lität. Die güns­tigsten Exem­plare kommen mit Miet-Akku, der – abhängig von der Fahr­leis­tung – 64 bis 94 Euro extra im Monat kostet. Ab ca. 6000 Euro.

Opel Corsa e/Electric
Die Technik teilt sich der Elektro-Corsa mit den Konzern­ge­schwis­tern Peugeot E‑208 und Citroën/DS3, ist gebraucht aber deut­lich häufiger zu finden. Das vergnüg­liche Hand­ling ist ein Plus­punkt, der hohe Neupreis steht nur auf dem Papier. Selbst fast neue Exem­plare kosten unter 20.000 Euro.

VW ID.3
Anfangs gab’s viel Stress mit der anfäl­ligen Soft­ware und der Verar­bei­tung des ID.3, doch in der aktu­ellen Statistik des TÜV schneidet der kompakte Volks­wagen vergleichs­weise gut ab. Das große Angebot erleich­tert Preis­ver­hand­lungen. Ab ca. 14.000 Euro.

Hyundai Kona Elektro
Ein echter SUV ist er nicht, doch wer gerne höher sitzt, wird den Kona schon dafür mögen. Auch das Raum­an­gebot fällt groß­zügig aus. Bei der HU ist er – bis auf häufig verschlis­sene Brems­scheiben – unauf­fällig. Gepflegte Modelle von 2021/22 starten bei ca. 15.000 Euro.

Passt ein E‑Auto zum eigenen Fahr­profil? Die Antwort liefert eine ausge­dehnte Probe­fahrt mit Stadt‑, Land- und Auto­bahn-Anteil. Strom­ver­brauch und Reich­weite lassen sich per Bord­com­puter ermit­teln. Dass die tatsäch­liche Reich­weite geringer ausfällt als vom Hersteller verspro­chen, ist normal.

Bei der Suche im Internet ist es wichtig, auf die Batte­rie­ka­pa­zität zu achten. Den Renault Zoe gibt es beispiels­weise mit 22‑, 41- und 52-kWh-Akku. Geworben wird meist mit der Brutto‑, nicht mit der tatsäch­lich nutz­baren Netto­ka­pa­zität. Nicht jeder Anbieter erwähnt, welche Batterie einge­baut ist – Nach­fragen zahlt sich aus.

Ein zerti­fi­zierter Batte­rie­check ist empfeh­lens­wert, seriöse Verkäufer haben nichts dagegen und tragen selbst­ver­ständ­lich die Kosten. Ermit­telt wird der State of Health, kurz SoH, also die Rest­ka­pa­zität des Akkus. Je nach Nutzung liegt der Leis­tungs­ver­lust zwischen 1,5 und 3,5 Prozent im Jahr.

Auch bei jungen Gebrauchten lohnt sich ein Blick auf den Zustand der Reifen und der Brems­scheiben. Einseitig abge­fah­rene Reifen und verschlis­sene Brems­scheiben sind typi­sche E‑Auto-Mängel, die auch Aufschluss über den Fahr­stil der Vorbe­sitzer geben. Gene­rell fallen die Wartungs­kosten eines E‑Autos im Vergleich zum Benziner aber güns­tiger aus.

Die Wallbox ist ein oftmals unter­schätzter Kosten­faktor, inklu­sive Instal­la­tion kommt schnell ein vier­stel­liger Betrag zusammen. In einigen Bundes­län­dern gibt es aller­dings Förder­pro­gramme, auch lokale Ener­gie­ver­sorger unter­stützen E‑Auto-Fahrer mit Zuschüssen und Prämien. Das Laden an der Haus­halts­steck­dose ist zwar möglich, sollte aus Sicher­heits­gründen aber nur eine Notlö­sung sein.

Ab 10.000 Euro werden E‑Autos für Wenig­fah­rende inter­es­sant

Viele Argu­mente für einen Verbrenner bleiben in diesem Preis­seg­ment aktuell nicht übrig. Selbst für unter 10.000 Euro gibt es inzwi­schen brauch­bare E‑Autos wie etwa den Renault Zoe oder den BMW i3, den die Fanszene schon als Klas­siker von morgen handelt. Beide haben in der Low-Budget-Preis­klasse zwar meist nur den kleinen 22-kWh-Akku an Bord, wie er vor gut zehn Jahren üblich war, doch für alle, die täglich nur kurze Stre­cken pendeln oder wenig fahren, reicht der Akti­ons­ra­dius von rund 100 Kilo­me­tern aus. Außerdem ist der zu erwar­tende Wert­ver­lust in dieser Preis­klasse so gering, dass sich kosten­be­wusste Käufe­rinnen und Käufer nicht nur über die geringen Verbrauchs­kosten freuen.

Gebraucht­wa­gen­markt: Das Angebot steigt, die Nach­frage zuletzt jedoch auch.

Unter 20.000 Euro domi­nieren Kompakte

Noch immer gilt, dass ein E‑Auto zum Fahr­profil seines Besit­zers oder seiner Besit­zerin passen muss. Wer ständig lange Stre­cken abreißt, am anderen Ende der Repu­blik arbeitet oder ein Feri­en­do­mizil am Meer besitzt, könnte mit einem Verbrenner vorerst noch besser bedient sein als mit einem gebrauchten Elek­tro­auto der Einsteiger-Klasse. Und gerade im Preis­be­reich bis 20.000 Euro beschränkt sich dort die Auswahl der jungen Gebrauchten auf Klein­wagen und Kompakte: In der Kombi-Klasse bieten Verbrenner die etwas größere Modell­viel­falt. Auch Camper, die einen Wohn­wagen ankup­peln wollen, kommen mit der Anhän­ge­last eines konven­tio­nellen Zugwa­gens oft besser klar. Ganz abge­sehen davon, dass der Anhänger vor der Lade­sta­tion meist abge­kup­pelt werden muss. Das war’s aber auch schon mit den Nach­teilen gebrauchter E‑Autos.

Wer auf öffent­liche Lade­sta­tionen ange­wiesen ist, sollte sich mit Abo-Modellen und AdHoc-Laden beschäf­tigen


Schnell­laden geht ins Geld – und auf den Akku

Wirk­lich billig fährt vor allem, wer zu Hause oder auf dem Firmen­park­platz lädt: Bei einer Jahres­fahr­leis­tung von 15.000 Kilo­me­tern ist im Vergleich zum Benziner eine Ersparnis von rund 1.500 Euro drin – und da ist die Befreiung von der Kfz-Steuer noch nicht einge­rechnet. Dazu gibt es aktuell jähr­lich 200–300 Euro für die THG-Quote. Wer dagegen viel fährt und auf öffent­liche Lade­sta­tionen ange­wiesen ist, sollte über ein kosten­pflich­tiges Abo nach­denken. Dann kostet selbst Schnell­laden nur etwa 40 Cent pro Kilo­watt­stunde und damit nicht viel mehr als zuhause. Wer sich an keinen Anbieter binden will, wird dagegen oft bis zu 80 Cent pro Kilo­watt­stunde los. Unterm Strich ist das E‑Auto dann so teuer wie ein Verbrenner. Jedoch gewinnt das soge­nannte AdHoc-Laden eine immer wich­ti­gere Rolle: Also das unkom­pli­zierte Laden direkt an der Säule ohne Regis­trie­rung oder Vertrag – einfach anste­cken, bezahlen und losfahren. Zuletzt ist das immer häufiger möglich ‑und geht beim Discounter oft schon bei 29 oder 39 Cent die Kilo­watt­stunde los. Achtung: Häufiges Schnell­laden ist nicht nur teurer, sondern stresst den Akku, ebenso wie regel­mä­ßiges Laden auf 100 Prozent oder längere Stand­zeiten mit voller oder fast leerer Batterie.

Auch das Vorleben zählt

Ebenso wichtig wie der Batte­rie­check ist ein Blick in die Papiere eines Gebrauchten. Das gilt natür­lich für alle Antriebs­arten: Auch junge Autos können ein anstren­gendes Leben als Miet­wagen, Carsha­ring-Fahr­zeug oder Pizza­taxi hinter sich haben. Wer damit leben kann, hat beson­ders gute Karten beim Drücken des Preises, das gilt auch für Reimporte oder Fahr­zeuge mit repa­rierten Unfall­schäden. Alle anderen profi­tieren davon, dass die Auswahl so groß ist wie noch nie: allein bei mobile.de sind aktuell rund 80.000 E‑Autos im Angebot, das erleich­tert die Markt­be­ob­ach­tung, das Verglei­chen der Preise und damit auch ziel­füh­rendes Verhan­deln. Doch Achtung, im Zuge hoher Sprit­preise steigt die Nach­frage aktuell rasant an, vor allem in der Klasse bis 20.000 Euro ist das Angebot zuletzt geschrumpft. Und: Zum ersten Mal waren Anfang des Jahres mehr als zwei Millionen E‑Autos auf deut­schen Straßen unter­wegs. Und irgend­wann kommen sie alle auf den Markt.

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