Die Geschichte des Automobils wird gern als Abfolge männlicher Heldentaten erzählt. Doch seit Beginn des motorisierten Zeitalters mischten kluge, mutige und erfinderische Frauen entscheidend mit. Ihre Ideen entstanden aus Alltagserlebnissen, wissenschaftlicher Neugier oder purem Pragmatismus und prägen den Straßenverkehr bis heute. Zeit also, ihnen eine Bühne zu geben.
In jeder Digitalausgabe 2026 stellen wir zwei Pionierinnen exemplarisch vor.

June McCarroll — Initiatorin des Mittelstreifens
Im Herbst 1917 entging June McCarroll (1867–1954) nur knapp einem schweren Zusammenstoß mit einem LKW auf dem späteren Verlauf der U.S. Route 99. Dieses Erlebnis hätte ihr Leben kosten können – und doch wurde genau daraus die Idee geboren, die heute die Straßen weltweit sicherer macht.
June McCarroll wurde am 30. Juni 1867 in den Adirondacks im Staat New York geboren und wuchs privilegiert auf – ihr Vater wurde später Bürgermeister von Emporia, Kansas. Sie studierte Medizin in Chicago und arbeitete anschließend als Ärztin in Kalifornien. Von 1907 bis 1916 war sie die einzige Ärztin in der Wüste zwischen Salton Sea und Palm Springs. Zudem betreute sie für eine US-Behörde fünf Reservate der Native Americans als einzige Ärztin.
Von einer lebensgefährlichen Begegnung zur praktischen Lösung
Für ihre Arbeit pendelte McCarroll täglich mit ihrem Ford Model T zu ihrem Büro nahe Indio – über einen Straßenabschnitt, der später Teil der U.S. Route 99 wurde. Dort drängte im Herbst 1917 ein LKW ihr Fahrzeug von der Straße. Aus diesem Schockmoment reifte eine Idee: Eine Trennlinie in der Straßenmitte könnte solche Unfälle verhindern. Doch ihre Vorschläge stießen bei den Behörden zunächst auf taube Ohren.
Beharrlichkeit zahlt sich aus
McCarroll gab nicht auf. Frauen im frühen 20. Jahrhundert mussten unbequem werden, um Gehör zu finden – und genau das tat sie. Sie malte eigenhändig eine weiße Linie auf die Straße und startete eine landesweite Briefkampagne über ihre Kontakte im Indio Women’s Club und anderen Frauenorganisationen. Sie kämpfte unermüdlich für ihre Vision.
Geburtsstunde des Mittelstreifens
Sieben Jahre später wurde ihr Einsatz belohnt: Im November 1924 übernahm die California Highway Commission ihre Idee und ließ eine Strecke von 5.600 Kilometern mit Mittelstreifen versehen. Kurz darauf folgten andere Bundesstaaten – und schließlich setzte sich McCarrolls Konzept weltweit durch. Im April 2002 ehrte Kalifornien ihren Beitrag offiziell, indem es den Abschnitt der Interstate 10 bei Indio als „The Doctor June McCarroll Memorial Freeway“ benannte.
Vom Engagement im Kleinen zur globalen Norm
Erbsenzählerinnen und ‑zähler mögen einwenden, dass McCarroll nicht die allererste Person war, die den Mittelstreifen erfand. Tatsächlich gilt Edward N. Hines aus Detroit, 1911, als erster Erfinder. Doch Hines Idee blieb weitgehend folgenlos. Erst McCarrolls beharrliches Engagement verschaffte der Vision politisches Gewicht – und machte den Mittelstreifen zur globalen Norm. In diesem Sinne kann sie wohl als erste Lobbyistin oder Influencerin für Verkehrssicherheit bezeichnet werden.

Dorothy Levitt – Erfinderin des Rückspiegels
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Automobile über staubige Landstraßen ratterten, war die Welt des Motorsports fest in männlicher Hand. Eine Frau hinter dem Steuer galt als Kuriosität – eine, die Rennen gewann, war eine Provokation. Dorothy Levitt (1882–1922) ignorierte das vorherrschende Meinungsbild. Sie wollte es ändern – und tat es mit Stil.
Über ihre Kindheit ist wenig bekannt. Sie wurde am 5. Januar 1882 als Elisabeth Levi in Hackney geboren, als Tochter eines Juweliers. Schon als Kind soll sie, wie sie später betonte, Geschwindigkeit geliebt haben – allerdings auf dem Pferd.
Einstieg in den Motorsport
Eine arrangierte Hochzeit lehnte sie ab und begann stattdessen eine Stelle als Sekretärin beim Fahrzeug- und Motorenhersteller Napier & Son. Dort entdeckte der Motorsport-Pionier Selwyn Edge ihr Talent. Die attraktive Levitt sollte das britische Pendant zu der Rennfahrerin Camille du Gast werden und Werbung für Napier-Autos machen. Ein junger Napier-Vertreter brachte ihr das Fahren bei – widerwillig, denn Frauen gehörten seiner Meinung nach nicht ans Steuer. Gleichzeitig lernte sie die mechanischen Grundlagen der Fahrzeuge, sodass sie eigenständig Wartungsarbeiten durchführen konnte. Um ihre Ausbildung zu perfektionieren, verbrachte sie sechs Monate bei einem Automobilhersteller in Paris und vertiefte dort sowohl ihr Wissen über Autos als auch ihre Fahrkünste.
Autofahren ist auch Frauensache
Zurück in London begann Levitt, anderen Frauen das Autofahren beizubringen – darunter die britische Königin Alexandra und deren Töchter.
Im März 1903 startete sie als erste Engländerin bei einem Autorennen. Zwar erreichte sie zunächst nicht das Siegertreppchen, doch acht Wochen später stellte sie in einem Napier-Motorboot bei der International Harmsworth Trophy in Irland den ersten Geschwindigkeits-Weltrekord auf dem Wasser auf. Weitere Siege im Automobil folgten. Dabei fiel sie auf: Während Camille du Gast sich maskulin kleidete, um nicht aufzufallen, trat Levitt bei Straßenrennen stets mit Hut und Schleier an. Die Presse taufte sie „das schnellste Mädchen der Welt“. 1905 stellte sie zudem den Rekord für die längste Fahrt einer Fahrerin auf: In zwei Tagen fuhr sie einen De Dion-Bouton von London nach Liverpool und zurück.
Ein Blick nach hinten
Levitt bekam eine eigene Kolumne in der Wochenzeitung The Graphic, unterstützte die Suffragetten und veröffentlichte 1909 ihr Buch „The Women and the Car“. Darin pries sie das eigenständige Autofahren als intensives Vergnügen und gab praxisnahe Ratschläge: von Wartungstipps bis hin zu eleganten Grifftechniken am Steuer. Besonders innovativ: Sie empfahl allen Fahrerinnen, einen kleinen Handspiegel mitzuführen – nicht zum Schminken, sondern um den rückwärtigen Verkehr zu beobachten.
Kleines Detail mit großer Wirkung
Erst 1911, zwei Jahre nach Levitts Buch, montierte US-Rennfahrer Ray Harroun beim Indianapolis 500 einen provisorischen Rückspiegel – oft wird er als dessen Erfinder genannt. Levitts Vorschlag jedoch war alltagstauglich, sicherheitsorientiert und dokumentiert: der früheste bekannte Hinweis auf das Prinzip des Rückspiegels im Straßenverkehr.
Nach 1910 verliert sich Levitts Spur. Sie verschwand abrupt aus der Öffentlichkeit. Doch ihre Spuren im Automobil sind bis heute sichtbar. Jeder Rückspiegel, jedes Schulterblick-Manöver steht ein Stück weit in der Tradition einer Frau, die früh verstand, dass Geschwindigkeit und Sicherheit sich nicht ausschließen dürfen.
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