ClubWarum lassen wir uns ablenken?

Die Unfall­ge­fahr durch Ablen­kung ist real, Smart­phones spielen dabei eine große Rolle. Die Gefahren sind bekannt. Doch wir kommen immer wieder in Versu­chung. Warum? Mit dem Verkehrs­psy­cho­logen Prof. Dr. Tibor Petzoldt im Gespräch.

Warum greifen Menschen trotz bekannter Risiken immer wieder zum Smart­phone am Steuer?

Tibor Petzoldt: Ich glaube, man muss zunächst unter­scheiden: Das Smart­phone ist nicht nur im Auto ein Thema. Dass Menschen nicht davon wegkommen, sieht man in allen mögli­chen Kontexten. Das Gerät hat ganz offen­sicht­lich einen beson­deren Reiz.

Auf der anderen Seite ist auch die Tatsache, dass Menschen während der Fahrt Dinge tun, die aus Sicht der Verkehrs­si­cher­heit nicht optimal sind, nichts Neues. Schon lange vor dem Smart­phone haben wir über Navi­ga­ti­ons­ge­räte, Essen, Rauchen oder andere Tätig­keiten gespro­chen.

Prof. Dr. Tibor Petzoldt hält die Professur für Verkehrs­psy­cho­logie an der Tech­ni­schen Univer­sität Dresden. Zu seinen Forschungs­schwer­punkten zählen unter anderem Fahr­ver­halten, Verkehrs­si­cher­heit sowie die Auswir­kungen von Ablen­kung und Smart­phone-Nutzung während der Fahrt. 

Menschen sind grund­sätz­lich bereit, sich während der Fahrt ablenken zu lassen oder andere Dinge zu tun. Meis­tens wählen sie dafür Situa­tionen aus, die sie als unpro­ble­ma­tisch einschätzen. Aber leider liegen sie mit dieser Einschät­zung nicht immer richtig.

Beim Smart­phone kommen diese beiden Dinge zusammen: die grund­sätz­liche Bereit­schaft, nebenbei etwas zu tun, und ein Gerät, mit dem man unglaub­lich viele Dinge machen kann.

Welche Rolle spielen Zeit­druck und das Bedürfnis, unter­wegs noch schnell etwas zu erle­digen?

Tibor Petzoldt: Das hängt stark davon ab, wie Menschen die Zeit im Auto wahr­nehmen. Wenn jemand täglich 30 Minuten oder länger unter­wegs ist, wird diese Zeit oft als verlo­rene Zeit empfunden. Dann entsteht schnell der Wunsch, sie für andere Dinge zu nutzen.

Hinzu kommt, dass viele Tätig­keiten ein konkretes Ziel verfolgen. Wer eine Nach­richt schreibt, möchte sie auch abschi­cken. Wenn man fast fertig ist und die Ampel wird grün, fällt es schwer, die Aufgabe einfach abzu­bre­chen. Man möchte sie zu Ende bringen.

„Das Problem ist nicht nur, dass Menschen trotz Verbot zum Smart­phone greifen. Das Problem ist, dass sie lernen, dass es meis­tens funk­tio­niert. Und darin liegt die Gefahr.“

Prof. Dr. Tibor Petzold

Genau darin liegt häufig das Problem. Man beginnt die Neben­tä­tig­keit viel­leicht in einer Situa­tion, die noch relativ unkri­tisch erscheint, etwa an einer roten Ampel. Aber die Verkehrs­si­tua­tion verän­dert sich, während man die Aufgabe weiter bear­beitet.

Über­schätzen sich Auto­fah­re­rinnen und Auto­fahrer, wenn sie ihr Smart­phone bedienen?

Tibor Petzoldt: Ja und nein. Natür­lich kann man sagen, dass Menschen ihre Fähig­keiten über­schätzen. Gleich­zeitig muss man berück­sich­tigen, dass die meisten dieses Verhalten schon sehr oft erfolg­reich gezeigt haben.

Wer heute während der Fahrt aufs Smart­phone schaut, hat das in der Regel nicht zum ersten Mal getan. Die Person hat das viel­leicht hunderte oder tausende Male gemacht und wurde dafür gewis­ser­maßen belohnt. Die Nach­richt wurde verschickt, die Kommu­ni­ka­tion hat funk­tio­niert, und es ist nichts passiert.

Aus psycho­lo­gi­scher Sicht sind das posi­tive Lern­erfah­rungen. Dadurch entsteht der Eindruck: Es hat ja funk­tio­niert. Genau darin liegt aber auch die Gefahr. Denn diese vielen erfolg­rei­chen Durch­gänge sagen nichts darüber aus, ob es auch beim nächsten Mal gut geht. Irgend­wann kann eine Situa­tion eintreten, die nicht vorher­sehbar ist – und dann reicht ein kurzer Moment der Ablen­kung aus.

Warum reichen Schreck­mo­mente oder kleine Unfälle oft nicht aus, um das Verhalten zu ändern?

Tibor Petzoldt: Wir haben uns das in einer Studie ange­schaut. Dort gab es Fahrer, die während einer Neben­tä­tig­keit – etwa beim Texten – einen Unfall hatten. Es handelte sich meist um leich­tere Unfälle mit Blech­schäden.

Inter­es­sant war, dass viele dieser Personen sehr schnell wieder zum Smart­phone griffen. Einige taten das schon nach kurzer Zeit erneut.

Das zeigt, wie stark die vorhe­rigen Lern­erfah­rungen sind. Wenn jemand über Jahre hinweg hunderte posi­tive Erfah­rungen gesam­melt hat, reicht ein einzelner nega­tiver Vorfall oft nicht aus, um das Verhalten dauer­haft zu verän­dern. 

Was passiert eigent­lich bei Ablen­kung im Kopf?

Tibor Petzoldt: Ablen­kung besteht nicht nur daraus, dass man irgendwo anders hinschaut. Es gibt visu­elle Ablen­kung, aber auch kogni­tive Ablen­kung.

Wenn Menschen ein anspruchs­volles Gespräch führen oder intensiv mit einer anderen Aufgabe beschäf­tigt sind, verän­dert sich die Art, wie sie ihre Umge­bung wahr­nehmen. Sie scannen ihre Umwelt nicht mehr so breit und nehmen bestimmte Dinge später wahr.

Dabei geht es um mehrere Schritte: Zunächst muss ich über­haupt bemerken, dass etwas passiert. Dann muss ich erkennen, dass es für mich rele­vant ist. Erst danach kann ich reagieren.

All diese Schritte können durch Ablen­kung beein­träch­tigt werden. Deshalb kann sich die Reak­ti­ons­zeit verlän­gern – nicht nur, weil man etwas später sieht, sondern auch, weil man es später verar­beitet.

“Bin dann mal weg” – Ablen­kung durch Smart­phones ist eine große Gefahr.

Was kann Auto­fah­re­rinnen und Auto­fah­rern helfen, um Ablen­kung am Steuer zu redu­zieren?

Tibor Petzoldt: Kampa­gnen sind wichtig. Sie halten das Thema präsent und schaffen Aufmerk­sam­keit. Aller­dings sollte man ihre Wirkung auch nicht über­schätzen. Allein durch Appelle wird sich das Verhalten vieler Menschen vermut­lich nicht grund­le­gend verän­dern.

Hilf­reich können tech­ni­sche Lösungen sein. Denkbar sind Warn­sys­teme, die erkennen, wenn Fahrer zu lange wegschauen. Bei Personen, bei denen eine grund­sätz­liche Problem­ein­sicht vorhanden ist, können Selbst­re­gu­la­ti­ons­stra­te­gien helfen, etwa das Smart­phone außer Reich­weite – etwa ins Hand­schuh­fach — zu legen.

Lang­fristig wird man wahr­schein­lich verschie­dene Ansätze kombi­nieren müssen: Aufklä­rung, tech­ni­sche Unter­stüt­zung und klare Regeln. Die Heraus­for­de­rung besteht darin, dass das Smart­phone für viele Menschen einen sehr hohen Nutzen hat. Genau deshalb ist es so schwer, auf seine Nutzung zu verzichten.

Die ACE Clubinitia­tive „Kopf hoch“ widmet sich dem Thema Smart­phone am Steuer: www.ace-clubinitiative.de


Gleich weitersagen!